“Black Metal goes science”, Teil I: Die Repräsentation der Geschichte des Zweiten Weltkriegs im Diskurs von Marduks “Frontschwein”

Wenn man sich nach einschlägigen Veröffentlichungen in der Subkultur des Black Metal bzw. dessen Verbreitungs- und Rezeptionsdiskursen umsieht, wird der Suchenden bzw. dem Suchenden rasch klar, dass in diesen Diskursen als kulturellen Sphären des Lebens und Erlebens harter Musik die Geschichte und Geschichtlichkeit, oft verbunden mit der Suche nach einer “wahren” oder “authentischen” Kultur “unserer Ahnen”, ein wichtiges diskursives Artefakt darstellt.1 Allgemein stellen die Kulturformationen des Black Metal und seine kulturelle Identität und Spezifik einen der noch besser erforschten Teilbereich der Kulturgeschichte harter Musik dar. Man kam dem Diskurs des Black Metal in der bisherigen Forschung in dem Sinne näher, als dass man ihn eben als eine Extremform sieht, der sich durch eigene Konstruktionen von Identitäten, Geschlechterrollen, Gewalt, Eskapismus, Ursprünglichkeit und eben auch Historizität auszeichnet.2 Ich denke, gerade in der Bezugnahme des jüngsten Black Metal-Diskurses auf die Geschichte, seine Versuche, Geschichte zugänglich zu machen, darzustellen, also nicht weniger als Geschichte durch die harte Musik zu schreiben, ist einer tieferen Reflexion wert.

Für die Relation zwischen den zeitlichen Beziehungsdimensionen von “Jetzt” und “Damals”, also von Vergangenem und Gegengewärtigem, scheint mir ein Trend von besonderer empirischer Bedeutung zu sein, den ich in einem meinem letzten Beitrag in diesem Blog bereits genannt habe – nämlich die Tatsache, dass harte Musik immer stärker in den Mainstream der Popkulturen Europas und der Welt vordringt sowie die damit verbundene zunehmende Verwissenschaftlichung des Nachdenkens über harte Musik. Beide Tendenzen kennzeichnen einen grundsätzlichen Trend im Schaffen, Rezipieren und Erleben harter Musik, dessen finale wirkungsgeschichtliche Konsequenz noch nicht abzusehen ist, der jedoch auf erhebliche Weise zur Transformation dieser Kulturgeschichte beiträgt. Der “Transformationsdruck” in der Kultur harter Musik entsteht dabei einerseits aus der Notwendigkeit, harte Musik – also vor allem Metal Musik – im europäischen und globalen Mainstream vergegenwärtigend neu zu codieren; andererseits folgt dieser Druck aus dem “Prestigegewinn”, der mit Verwissenschaftlichung einhergeht. Die zunehmende Entdeckung dieser bisherigen Subkulturen als Kulturformen, die es “wert”  und “relevant genug” sind, als wissenschaftliche Gegenstände wahrgenommen zu werden, bedeutet einerseits eine kulturelle Aufwertung in Richtung Akzeptanz, anderseits aber auch eine mögliche Nivellierung in Richtung Wertekonfiguration des Mainstreams.

Ich denke, insbesondere auch der Bezug der Subkultur des Black Metal auf die Geschichte und Historizität, die Art in der in diesen Kulturformen Geschichte geschrieben wird, ist durch diese Tendenzen in einen Prozess der Dynamik und Transformation gekommen. Es kommt gleichsam zu Neuformierungsprozessen des geteilten Bilds der Vergangenheit in diesen Diskursen, die es gleich einer Brennlinse möglich machen, die bisher kulturkonstitutiven Beziehungsnetze zwischen “Jetzt” und “Damals” zu erkennen, sowie deren weitere Entwicklung zu reflektieren. Es handelt sich hier um Prozesse, die klare empirische Indizien dafür liefern, dass die Subkultur des Black Metal eine Kulturgeschichte zeitigt, die im besten Sinne postmodern ist, nämlich plural und durchaus selbstreflexiv.

Diese Diskurse erzeugen ein Bild der Vergangenheit, das in seiner Kulturontologie durchaus innovativ ist. Dieser “Innovationsdruck” wird durch den Eingang in den Mainstream bzw. die Verwissenschaftlichung des Felds beschleunigt. Ich möchte diese Zusammenhänge in empirischer Weise an einem Beispiel diskutieren. Es ist schon in der Wahl des geschichtlichen Gegenstands dieses Beispiels klar, dass sich das Feld in einer katalytischen Geschichtsdynamik befindet: Schon dieses Beispiel liefert nicht weniger als einen kulturgeschichtlichen Vorschlag, die Geschichte von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg postmodern zu erzählen. Dies macht nur Sinn, wenn man es im Kontext des Eingang in den Mainstreams und der Verwissenschaftlichung des Felds platziert.

Marduks “Frontschwein”

Die schwedische Black-Metal Formation Marduk wurde bereits im Jahre 1990 in Norrköping begründet; ihr “Kopf”, Morgan Steinmeyer Håkansson, der bis heute im Wesentlichen die Geschicke der Gruppe leitet und als ihr kreatives Zentrum gelten kann, verfolgte – nachdem er sich vom damaligen Stil und den Ambitionen des Death Metal abgewandt hatte – das Ziel, “die satanischste und blasphemischste Band aller Zeiten” zu formieren.3 Zu diesem normativen Kulturziel kann man sich stellen, wie man es für gegeben hält; es steht aber außer Zweifel, dass die Band um Håkansson durch konstante Arbeit, Touren und Veröffentlichungen es zu einem Status gebracht hat, die sie zu einem Klassiker und Archetyp des Genres machen. Dieser Aspekt ist nicht nur empirisch, sondern allgemeiner wirkungsgschichtlich bedeutsam: Da die Band über durchaus hohes Ansehen in der “Szene” bis heute verfügt, hat sie in der “kulturellen Governance” des Genres, also der Anleitung des Diskurses überhaupt, durch welche festgelegt wird, welche Bedeutung Black Metal innehat und was seine Identität formt, eine kritische und wichtige Stellung inne. Man könnte es so beschreiben, dass sie zu den opinion leader des Black Metal zählt, die die Deutungshoheit über den Diskurs stark mitbestimmen.

Für Marduk – dies ergab sich stringent vor allem aus Håkanssons Ideologie und Ambition – waren Themen wie Satanismus, Blasphemie, Verderbnis, Schrecken, Tod, Gewalt sowie deren Aufreten im Leben und in der Geschichte immer existentielle Themen. Es verwundert daher wenig, dass insbesondere das Thema von Kriegen, als geschichtliches embodiment ihrer Kulturperspektive, in ihrer Kunst immer eine elementare Funktion innehatte. Insbesodere Themen- und Narrativbereiche zum Zweiten Weltkrieg, zum Nationalsozialismus und seinen Verbrechen, dessen führenden Figuren und Prozessen, lagen hier als Stoff gleichsam nahe. So ist es wenig verbundlich, dass Marduk im Jahre 1999 ein ganzes Album veröffentlichte, dass diese Perspektive gleichsam in sich kristallisierte und geschichtlich auf den Punkt brachte: “Panzer Division Marduk” ist bis heute das meistbeachtete Album der Band, es sollte im Anspruch das extremste Album des Black Metal zu seiner Zeit werden; man kann dies empirisch so deuten, dass “Panzer Division Marduk” durch seine Sicht auf die Geschichte des Kriegs die Essenz von Black Metal, also seine Identität, historisch verkörpern sollte.

Im Jänner 2015 veröffentlichte die Band ihr dreizehntes Album – es trägt den plakativen Titel “Frontschwein” und wandte sich wieder der Thematik des Kriegs, spezifisch des Zweiten Weltkriegs, aus der Sicht handelnder und leidender, vor allem deutscher Soldaten zu; in der heute konsensuellen Perspektive Europas und des “Westens” ist dies somit vor allem eine “Täterperspektive”, aber auch in ambivalenter Form eine “Opferperspektive”, da der “kleine Soldat” auch als “Rädchen im Getriebe des Bösen” thematisiert wird. Zusammenfassend kann man die empirisch-historische Dimension dieser Neuveröffentlichung so fassen, dass sie eine Sicht auf die Geschichte des Zweiten Weltkriegs konstruiert, die, erstens, Krieg zum wichtigsten erzählerichen und kulturellen Artefakt dieser Zeit bis 1945 macht und sie als Synthese durch die menschlichen Extreme der Gewalt, der Vernichtung, des Bösen – die Essenz Håkanssons Vorstellung von Black Metal – erklärt. Man kann diesesn ersten Punkt so zusammenfassen, dass Marduks Musik auf “Fronschwein” eine historisch-metaphorisch-erzählende Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anbietet, die diese Essenz des Black Metal auch in den Mainstream einspeisen soll.

Zweitens – und ich denke, dies ist der überraschendere Teil dieser Geschichte -, vollzieht Marduk auf “Frontschwein” eine Transformation seiner historischen und diskursiven Präsentationslogik dieser Geschichte: War vor allem auf “Panzer Division Marduk” in all seiner Gewalttätigkeit, Erzählung und Symbolik noch das Mythische der Kern der Geschichtserzählung, so wird die Geschichte bis 1945 auf “Frontschwein” in ein Narrativ kondensiert, das in seiner Präsentationslogik durchaus den Repräsentationsformen wissenschaftlicher Publikationen nahekommt. Schon die Titelreihenfolge erscheint nicht mehr rein mythisch-assoziativ wie noch auf “Panzer Division Marduk”, sondern schreitet gleichsam chronologisch erklärend – gleichsam in einer erzählerischen Deduktion – durch die Themenfelder dieser Geschichte und erklärt nnahezu kausallogisch sowie moralisch deutend zugleich.4 Ich sehe in der kausal und gleichsam rational begründenden Form der Erzählung, nämlich in der Grundursache der Schreckensgeschichte dieser Zeit, die “Frontschwein” in der Verderbtheit des Menschen an sich konstruiert, erstaunliche Parallelen zur Diskussion um den moralischen und historischen Gehalt der NS-Zeit und der Shoah seit dem Historikerstreit in der Bundesrepublik Deutschland der 1980er-Jahre.5

Die Diskussion im Historikerstreit und bis heute drehte sich in seiner diskursiv-rationalen Form, die auch die moralische und kulturelle Deutung der NS-Zeit ermöglichen sollte, um die Begriffe von “Historisierung” und “Trauma”; sie entwickelte ein Begriffsnetzwerk, das sich im semantischen Feld zwischen diesen Begriffen aufpannt und aus ihrer Beziehung heraus die Geschichte rational erklärt.6 Die Geschichtserzählung, die Marduk auf “Frontschwein” leisten, ist sehr in der Tradition und “Erkenntnisperspektive” dieser “rationalistischen” Deutung zu sehen. Sie nähert das Geschichtsbild der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Black Metal deutlich dem wissenschaftlichen Geschichtsbild dieser Epoche an. Man kann sogar noch hierüber hinausgehen, indem man behauptet, dass Marduk in ihrer gewählten deutenden und chronologischen Erzählung “Geschichte von unten” künstlerisch praktizieren. Es steht das “Frontschwein” im Mittelpunkt, der einzelne “kleine Soldat”, ist das Gravitationszentrum der Erklärung – eine Perspektive, die sehr den Ambitionen der Historischen Anthropologie sowie der Alltagsgeschichte seit den 1980er-Jahren sowie der heutigen Kulturgeschichte entspricht. Besonders deutlich wird dieses erneuerte Geschichtsbild Marduks im Diskurs, wenn man den Videoclip zum Titeltrack “Frontschwein” als Epizentrum dieser Erzählung annimmt:

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Man kann die Repräsentation der Geschichte dieser Zeit im Diskurs von “Frontschwein” also so zusammenfassen, dass Håkansson und seine Mitstreiter, ihre MultiplikatorInnen und RezipientInnen, in ein Bild der Geschichte dieser Zeit eingebunden werden, das (1) klar eine Heranführung des Black Metal an den Mainstream der Popkultur nahelegt. (2) Folgt hieraus der erstaunliche empirische Befund, dass “Frontschwein” die Repräsenationsformen des geschichtswissenschaftlichen Diskurses aufnimmt und es gleichsam zu einer Tendenz von “Black Metal goes science” kommt. Diese Tendenzen scheinen mir durchaus repräsentativ für die derzeitige Entwicklungsdynamik der Kulturgeschichte von Metal Musik, vor allem von Black Metal, um die Jahreswende 2014/15 zu sein.


  1. Vgl. etwa: Jason Forster: Commodified Evil’s Wayward Children. Black Metal and Death Metal as Purveyors of an Alternative Form of Modern Escapism. Saarbrücken 2008; sowie: Alexander Fuchs/Carsten Majewski: Black Metal. Musiksoziologische Analyse der Darstellungsformen und -inhalte einer Subkultur. Hamburg 2000; auch: Martin Langebach: Die Black-Metal-Szene. Eine qualitative Studie. Saarbrücken 2007; schließlich: Roman Seidl: Ideologie im Black Metal. Eine psychologische Analyse zu Neuheidentum und rechtsextremer Gesinnung. Saarbrücken 2008; zur Rolle von Authentitzität im Diskurs siehe auch:Michael Rössner/Heidemarie Uhl (Hg.): Renaissance der Authentizität? Über die neue Sehnsucht nach dem verlorenen Ursprünglichen. Bielefeld 2012.  

  2. Vgl. ebd. 

  3. Vgl. die Eigencharakterisierung der Gruppe: http://marduk.nu/band/, abgefragt am 13.2.2015. 

  4. Vgl. zur Titelreihenfolge von “Frontschwein als auch “Panzer Division Marduk”: http://marduk.nu/music/, abgefragt am 13.02.2015. 

  5. Vgl. einführend zum Historikerstreit: Ernst Reinhard Piper (Hg.): „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. München/Zürich 1987; besonders relevant: Dan Diner (Hg.): Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit. Frankfurt/Main 1987. 

  6. Vgl. ebd. 

  7. Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=0yPOqlrCl1I, abgefragt am 13.2.2015.