Konstruktivismus…und dann? Teil I: einige epistemische Gedanken im Rahmen der Kulturgeschichte harter Musik

Der Konstruktivismus,1 in der Kulturgeschichte vielfach in seiner Spielart des “radikalen Konstruktivismus”,2 stellt im momentanen Fachdiskurs der Kulturwissenschaften das prägende Epistem dar.3

Es steht außer Zweifel – der Konstruktivismus, insbesondere auch in seinen radikalen Strömungen, zeitigte vor allem auch für die Kulturgeschichte seit den 1990er-Jahren einschneidende und höchst wichtige perspektivische Änderungen, die man in vielen Belangen durchaus als “Fortschritt” charakterisieren kann (ohne in ein teleologisches Denkkonzept im Sinne der klassischen Moderne zurückzufallen). Angesichts der Krise der Kulturen in der “Digitalen Welt” sowie der Europäisierung und Globalisierung stellt sich jedoch in meinen Augen die dringliche Frage, ob der Konstruktivismus noch in all diesen Fragen  analytische und diskursive Aktualität und Legitimation als Epistem innehat. Kann die Philosophie des Konstruktivismus4 die Fragen “unserer Zeit” beantworten? Liefert der Konstruktivismus auch heute noch – 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und des Kommunismus in Europa  – “ausreichende” Wissensressourcen, um diese Fragen auch nur annähernd zu beantworten? Ich will zu diesem hochphilosophischen Themenkomplex einige vor allem theoretische, aber auch teils empirische Gedanken im Rahmen der Kulturgeschichte harter Musik anstellen.

An den Grenzen eines Epistems

Der Konstruktivismus, auch der “radikale” Konstruktivismus, stellen zusammen gebündelt das wichtigste Epistem der momentanen Forschungslandschaft dar.5 Im Sinne dieser vorherrschenden Wissenschaftsphilosophie geht es darum, die Produktion und auch die Politiken des Wissens (also auch der Wissenschaften, somit ebenso der Kulturgeschichte) als Diskurse im Sinne Michel Foucaults zu begreifen, in denen Wissen konstruiert wird. Diese seit den 1990er-Jahren prägende Perspektive auch der “Neuen Kulturgeschichte”6 brachte der Kulturhistoriographie immense Wissenszuwächse. Es geht um Diskurse in der Geschichte im Sinne eines kulturellen Konstruktionswegs von Symbolen, Erzählungen, Wissenssystemen, Praktiken, Performanz, Gedächtnis und Gedächtnisorten, Räumen usw.

Der “Cultural Turn”, wie er die Debatte heute prägt, führte im Folgenden zu verschiedenen weiteren “Turns” (“European Turn”, “Governance Turn”, “Spatial Turn”, “Iconic Turn” usw.). All diese “Turns” fanden und finden  im Rahmen des Diskurses des Konstruktivismus statt. Alle begreifen sie kulturhistorische Wirklichkeiten als Kommunikations-, Kultur- und Lebenssysteme, welche Wissen und Praktiken durch vor allem soziale Verhandlungs-, also Konstruktionsakte hervorbringen. Der zentrale Begriffskomplex dessen ist das Sprechen von “Identitäten”, die immer mit diesen Diskursen verbunden sind.7 All dies hat nach wie vor seine Berechtigung und sollte auch nicht vorschnell ad acta gelegt werden.

Ich gehe jedoch von einem anderen Gedanken aus, der durchaus auch aus dem poststrukturalistischen Denken gefolgert werden kann:8 Der epistemologischen Philosophie vor allem im Anschluss an Foucault geht es auch immer darum, die Querverbindungen, die zwischen Wissensproduktion und politischen Diskursen bestehen, sowie deren kulturelle Einbettung überhaupt, mitzudenken.9 Dies bedeutet in der klassischen Foucault’schen Perspektive, dass wissenschaftliche Diskurse immer “Kinder ihrer Zeit” sind, also entweder dazu beitragen, bestehende kulturgeschichtliche Ordnungssysteme zu stabilisieren, oder aber auch, diese zu kritisieren und an ihrer “Überwindung” mitzuarbeiten. Um es auf den Punkt zu schreiben: Episteme – wie eben auch der Konstruktivismus – lassen sich auch als hoch abstrakte Zeichen-, Sprach-und Textsysteme beschreiben, die die Politik ihrer Zeit stützen, hinterfragen oder auch “umstürzen” wollen. In diesem Sinne vor allem des radikalen Konstruktivismus ist die Kritik und Dekonstruktion von essentialistischen Identitätskonstruktionen ein Hauptanliegen aller kulturgeschichtlichen Forschungen.

Nur, ich sehe diesen Zusammenhang auch so, dass der Konstruktivismus als Epistem demzufolge nicht nur ein wissenschaftliches Feld der Semantik, sondern auch ein Bündel von politischen Strategien darstellt. Ohne sich hier auf zu verurteilende Pauschalisierungen und Reduktionismen einzulassen, ist festzustellen, dass der Ursprung der Diskurs- und Epistemphilosophie eher im “linken” politischen Spektrum einzuordnen ist. Sicherlich gibt es auch “konservative” oder eher “rechte” PraktikerInnen der diskursiven Kulturgeschichte, doch sind diese in der Unterzahl (hierbei ist überhaupt anzumerken, dass ein klassisches “Links/Rechts”-Schema in der heutigen flüssigen poltischen Kultur Europas und der Welt kaum noch Sinn macht; hierbei handelt es sich eher schon um eine “Schubladisierung” im Sinne der Komplexitätsreduktion).

Da es sich demzufolge auch beim Epistem des Konstruktivismus (wenn man sozusagen seine dekonstruktivistische Denkweise auf sein eigenens Feld anwendet) um ein Bündel an politischen Wissensstrategien handelt, ist auch der Konstruktivismus ein Diskurs, der bestimme kulturelle Positionen und politische Muster festschreibt oder eher fördert bzw. sich für ihre Anliegen einsetzt. Hierbei geht es im Sinne des “eher linken” Diskursursprungs des vor allem radikalen Konstruktivismus darum, auch seine politischen Implikationen zu sehen. Ich denke, es steht – im Interesse eines wissenschaftlichen Vorankommens – auch im Zentrum, sich gleichsam an die Grenzen dieses Epistems zu begeben und Fragen zu formulieren, die auf seine politische und wissenschaftliche Basis abzielen. Nur so kann es meiner Ansicht nach gelingen, einerseits wissenschaftlichen “Fortschritt” (man sollte vielleicht eher das Bild eines “besseren Wissens” verwenden) zu erreichen; andererseits geht es auch darum, die politischen Implikationen des Konstruktivismus klar zu benennen, ohne ihn selbst gleich als “große Erzählung” im Sinne der Moderne des 20. Jahrhunderts zu “punzieren”.

Folgende Fragen können als Einstieg dazu dienen, sich an die Grenzen des Epistems des Konstruktivismus in kulturhistorischer Hinsicht zu begeben: Wie “konstruiert” der Diskurs des Konstruktivismus seinen “Version” der kulturgeschichtlichen Wirklichkeit? Welche Strategien in der Präsentation von Wissen werden hier verfolgt und in der Regel angewendet? Vor allem jedoch: Welche Vereinfachungsstrategien in der Herstellung von historischen Wirklichkeiten sind hiermit verknüpft?

Der klassische Konstruktivismus vereinfacht und reduziert historische Wirklichkeiten – was kommt nach ihm?

Der Einstiegspunkt zur Untersuchung dieser grundlegenden epistemischen Fragen besteht darin, zu eruieren, wie der Diskurs des Konstruktivismus historische Wirklichkeiten entstehen lässt. In der Regel vertreten alle KonstruktivistInnen die Wissens- und Wissenspolitikansicht, dass die Wissenschaft einen sozialen Diskurs formt, in welchem Wissen diskursiv konstruiert wird. Dies ist ein “alter Hut”, stellt jedoch noch immer die “Kernideologie” des Konstruktivismus dar. Dies bedeutet – wenn man sich zum Kern dieser Ansicht vorarbeitet -, dass wissenschaftliches Wissen (in Form von Texten, Erzählungen, Dokumentationen im TV, Websites, Ausstellungen usw.) gleichsam durch eine kulturelle “Einbahnstraße” hervorgebracht wird: Wissen entstünde nach diesem Epistem vor allem dadurch, dass es in sozialer Interaktion “konstruiert”, also lediglich in einer Richtung politisch hervorgebracht wird. Das Wissen und die Wahrheit seien “fiktionale Artefakte” des historischen Diskurses; es gibt in dieser radikal-konstruktivistischen Position keine universal und intersubjektiv vermittelbare “Wirklichkeit”, sondern nur verschiedene “Versionen” der “Realität”, die jeweils durch Diskurse geschaffen werden. Dies brachte uns zahlreiche Erkenntnisfortschritte, kann jedoch vor allem auch als ein zutiefst politischer Weg gesehen werden, das “exklusivistische” und essentialistische Kulturprogramm der Moderne hinter uns zu lassen.

Der springende Punkt besteht in meinen Augen jedoch darin, dass diese Rekonstruktion der Prozesse, durch die wissenschaftliches Wissen und somit Wirklichkeit konstruiert werden, eine immense (und auch zu kritisierende) Vereinfachung und sogar Reduktion darstellen, die ich hinterfragen möchte. Es geht dabei zentral darum, zu sehen, wie der Konstruktivismus die Hervorbringung von Wirklichkeiten institutionalisiert. Ich denke, hier handelt es sich im Epistem des Konstruktivismus um eine kulturgeschichtliche Einbahnstraße; wie schon festgestellt, sehen gleichsam alle KonstruktivistInnen der jüngsten Zeit “Wirklichkeit” als soziale Konstruktion. Kurz, kulturhistorische Realität entstünde nur dadurch, dass über sie im Diskurs befunden würde. Dies ist ein klassisches “Einbahndenken”: Wirklichkeit ensteht hierbei nicht durch einen komplexeren historischen Prozess, sondern durch ein formalisiertes und fixiertes Denkschema – Diskurse konstruierten das Wissen.

Es geht nicht um eventuell bestehende materiale Wissenskomponenten oder auch subjektive und individuelle Bestandteile in der Wahrnehmung der Kulturgeschichte, sondern nur und allein um Konstruktion der Wirklichkeit. Ich denke, es ist einsichtig (und zwar schon intuitiv), dass dies auch einen Reduktionismus darstellt. Das Konstruktions- und Diskursdenken stellt auch einen Weg dar, historisches Wissen operabel zu halten, indem es vereinfachend dargestellt wird. Dies betrifft zentral den Zugriff des Konstruktivismus in gleichsam all seinen Spielarten auf das Begriffsfeld der Wirklichkeit. Es sollte hier im Fokus stehen, einen (wiederum und erneuten) differenzierteren Blick auf das Verhältnis zwischen historiograpischem Wirklichkeitsverständnis und der “Wirklichkeit an sich” zu entwicklen. Was kommt nach dem Konstruktivismus?

Historische Wirklichkeiten entstehen durch einen höchst komplexen und theoretisch herausfordernden Prozess

In diesem Zusammenhang besteht der springende Punkt darin, auch zu sehen, dass die Rolle von Wirklichkeit im Diskurs der Kulturgeschichte wesentlich komplexeren Charakter hat als das zum momentanen Zeitpunt des Vorherrschens des Epistems des Konstruktivismus konsensuell angenommen wird. Ich gehe zentral davon aus, dass historische Wirklichkeiten nicht nur durch (1) “diskursive Konstruktion” entstehen, sondern auch durch (2) “individuelle, subjektive und persönliche Erlebensmomente” der HistorikerInnen (hier geht es vor allem um das emotionale und “sentimentale” Erleben der kulturgeschichtlichen Prozesse, denen sich KulturhistorikerInnen widmen) sowie durch (3) “materiale Momente”, die verschiedensten Sorten von “Quellen” und historischen “Evidenzen” sowie “Artfakten” innewohnen. Ich möchte kurz auf diesen komplexen Wechselprozess eingehen.

  • (1) “Diskursive Konstruktion”

In diesem Zusammenhang der “diskursiven Konstruktion” sollte es durchaus noch immer darum gehen, die Erkenntnispotentiale, die dem Konstruktivismus innewohnen, anzunehmen und fortzuführen. In diesem Sinne ist historische Wirklichkeit auch ein Prozess, der dadurch entsteht, dass über sie im Diskurs gesprochen und verhandelt wird. Dies ist ganz im Sinne des klassischen konstruktivistischen Denkens. “Realität” in der Kulturgeschichte ist in diesem ersten Denkweg ein Prozess der sozialen und kommunikativen Hervorbringung von “historischer Wirklichkeit”. Dies ist nach wie vor ein zielführender Teilansatz, um die Rolle der wissenschaftlichen Historiographie als gesellschaftliches Konstruktionssystem auf den Punkt zu bringen. In diesem System konstruiert die Kulturhistoriographie ihren Gegenstand im Diskurs. Dies ist jedoch nur ein Teilprozess.

  • (2) “Individuelle, subjektive und persönliche Erlebensmomente”

Im Zusammenhang dieses Komplexes im Umgang mit historischer Wirklichkeit geht es darum, zu sehen, dass die Arbeit der HistoriographInnen immer auch mit persönlichen und subjektiven, also vor allem individuellen und emotionalen sowie “sentimentalen” Erlebensprozessen und -momenten verbunden ist. Die Wirklichkeit, auf die HistorikerInnen treffen (oder welche sie teils auch erst hervorbringen) ist immer auch eine Quelle und Gegenstand von subjektiven Erlebens- und von Gefühlsprozessen. Erst recht die Gefühle, die in HistorikerInnen aufsteigen, wenn sie an ihren Quellen arbeiten oder eine Geschichte im Gesamtzusammenhang erzählen (etwa die Freude, wenn ihnen eine antike Statue gefällt; etwa die Abscheu und Ablehnung, wenn ZeithistorikerInnen sich mit Quellen zu den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandersetzen; oder schießlich ein “Gefühl” für die Komplexität der Materie, wenn HistorikerInnen sich etwa an einer Überblicksdarstellung zum Prozess der europäischen Integration versuchen), machen das komplexe Verhältnis zu historischen Wirklichkeiten der Kulturgeschichte aus.

Wirklichkeit entsteht nicht nur als rein rationale, soziale und systemische “Konstruktion”, sondern auch durch das individuelle Erlebenspotential, das HistoriographInnen erfahren, wenn sie Geschichte schreiben; aber auch durch das gefühlsmäßige und “sentimentale” Erleben, wenn RezipientInnen sich etwa mit Fachbüchern, aber auch Ausstellungen oder etwa archäologischen Ausgrabungen auseinandersetzen. All dies hat enormen Einfluss auf das Bild von Wirklichkeit, das in den Menschen, also in der Kultur überhaupt durch historiographische Prozesse ensteht. Ich möchte dies folgendermaßen auf den Punkt bringen: Historische Wirklichkeit ist auch eine Frage des emotionalen Erlebens.

Diese Erkenntnis (die ich für wichtig und zielführend halte), findet in der jüngeren Historiographie durchaus Anknüpfungspunkte. So hat die jüngste kulturhistorische Forschung das Thema von Emotionen (wieder) für sich entdeckt.10 Auch ich habe mir schon  in mehreren Aufsätzen Gedanken zum engen Beziehungsverhältnis zwischen wirklichheitshaften Erleben der HistorikerInnen und ihrem Werk gemacht.11 All diese Fragen von Emotionen und persönlichem Erleben von WissenschafterInnen und ihrem Publikum münden darin, historische Wirklichkeiten auch als Frage des Erlebens zu untersuchen.

  • (3) “Materiale Momente”

Schließlich geht es generell auch darum, zu sehen, dass historische Wirklichkeit auch über die bloße “Konstruktion” durch  Gesellschaften hinausgeht. Ich will hier nicht auf ein klassisches empirisch-positivistisches Verständnis von “Wirkllichkeit” rekurrieren. Dies liegt mir fern; in meinen Augen ist es jedoch ebenso wichtig, zu erfassen, dass Quellen und verschiedensten Artefakten, die HistorikerInnen sowie ihr Publikum heranziehen, um ihre Erzählungen zu begründen und zu präsentieren, auch “materiale Momente” von “historischer Wirklichkeit” innewohnen; dies wird schon intuitiv einsichtig, wenn man etwa daran denkt, wie die klassische Archäologie ihren Gegenstand beschreibt oder wie etwa BesucherInnen in Pompej die Relikte dieser antiken Stätte betrachten. All dies ist sicherlich keine “universale” oder “objektive Wirklichkeit”, aber auch ein sehr wichtiger Aspekt des Beziehungsverhältnisses zwischen Historiographie und “Wirklichkeit” ihres Gegenstandes. Somit sind “historische Realitäten” auch in diesem Zusammenhang nicht nur “Konstruktionen” der Gesellschaft, sondern Fragen der Materialität von Quellen und historischen Artefakten sowie “Überresten”. Um es zu pointieren: Geschichtliche Wirklichkeit ist auch eine Frage quellenhafter Materialität.

Diese “Materialität in Quellen” (Gegenstände, Relikte usw.) mag man sehen, wie man will. Ich denke aber, dass sie elementar gegeben ist. Auch die jüngere Forschung hat sich zur Materialität schon ihre Gedanken gemacht.12 Es geht also darum, in der Bezugnahme auf kulturhistorische Wirklichkeitsbeziehungen auch das Moment der “Materialität in Quellen” zu bedenken. Das momentane konstrukvistische Realitäts”bewusstsein” stößt hier für mich klar an seine Grenzen.

Ich möchte diese Herausforderung für das Wirklichkeitsbild des Konstruktivismus zusammenfassen: Es geht darum, dass historische Realitäten nicht nur aus (1) “diskursiver Konstruktion”, sondern auch aus (2) “individuellen, subjektiven und persönlichen Erlebensmomenten” sowie schließlich aus “materialen Momenten” bestehen. Sieht man diese drei Aspekte im Verbund, lassen sie ein vielschichtiges Verfahren erkennen, in dem das Beziehungsverhältnis zwischen wissenschaftlicher Kulturhistoriographie und ihrem diszplinären Gegenstand besteht. Historische Wirklichkeiten sind neben Fragen der Diskursivität auch Fragen des persönlichen Erlebens von HistorikerInnen sowie der Materialität ihrer Bezugsquellen zu vergangenen Wirklichkeitssphären.

Ich möchte diesen vielschichtigen Realitätsprozess metaphorisch und postmodern im Sinne einer europäisierten und globalisierten Kultur “unserer Zeit” als “Triptychon historischer Wirklichkeit” auf den Punkt bringen. “Historische Wirklichkeit” ist also ein dreifacher Prozess aus Konstruktion, Erleben und Materialität.  Diese Konzeption versteht sich als ein Teilbeitrag dazu, die Historiographie umfassender für “unsere Zeit” zu operationalisieren. Es soll sich nicht um einen “modernistischen” Holismus handeln, aber um das Ansinnen, ein vielschichtigeres Zugreifen auf historische Realitäten”zu konzipieren – oder zumindest einen  möglichen Denkansatz hierzu beizusteuern. Wohin führt dies in epistemischer Hinsicht?

Der Weg zu einem neuen Epistem? Kurze Anmerkungen zum “Triptychon historischer Wirklichkeit” in der Kulturgeschichte harter Musik

Der Gegenstand meines Blogs ist die Kulturgeschichte harter Popmusik in all ihren Erscheinungsformen. Ich habe etwas früher den Begriff des “kulturellen Orts” operationalisiert, um diese Kulturgeschichte theoretisch fassen zu können. Ich denke, mit dem metaphorisch-analytischen Code eines “Tryptichons historischer Wirklichkeit” lässt sich das Erkenntispotential der Forschung etwas vorantreiben. Ich denke etwa an das neu erschienene Album “Bloodstone and Diamonds” der US-amerikanischen Formation “Machine Head”, das just heute in Europa veröffentlicht wurde. Einerseits kann der Diskurs, der um dieses Album fließt, im Sinne des Konstruktivismus als (1) diskursives und gesellschaftliches Konstruktionssystem begriffen werden. Dieser Diskurs schafft im gesellschaftlichen Miteinander der “MetallerInnen” ein Realititätsfeld, das durch das Cover, die Lyrics, schließlich die Musik selbst gekennzeichnet wird. Diese gesellschaftliche Erscheinung ist eine Konstruktion.

Zweites jedoch ist dieses Album mit all seinen Facetten (dem Erleben der Musik,  des Albumcovers, der Lyrics, der Neugier beim Kauf und ersten Hören usw.) (2) eine Frage des persönlichen Erlebens. Dieses vor allem emotionale und “sentimentale” Erleben gehört zum Wirklichkeitsfeld dieser neuen Veröffentlichung. Es ist eine Frage der Verbindung zwischen popmusikalischer und wissenschaftlicher Kulturgeschichtsschreibung und ihrer Sicht der Realität.

Drittens schließlich ist dieses neue Album durch eine (3) enorme quellengemäße und kulturgeschichtliche Materialität geprägt. Dies betrifft das Fühlen beim Öffnen der Hülle des Albums, das optische Wahrnehmen seiner Gestaltung, kurz die gesamte Haptik, die mit der Wirklichkeit dieser Neuveröffentlichung verbunden ist.

Um es zusammenzufassen: Diese einzelne empirische Episode der Kulturgeschichte harter Musik kann im Sinne des “Tryptichons historischer Wirklichkeit” als ein historiographischer Prozess jenseits des Konstruktivismus interpretiert werden. Ich denke, die Begriffsmetapher des “Triptychons historischer Wirklichkeit” ist durchaus geeignet, über die (engen) Grenzen des Wirklichkeitsbildes des Konstruktivismus hinauszugehen. Im Zusammenhang von “Bloodstone and Diamonds” kann über diese Begriffsmetapher nicht nur die Konstruktion von Wirklichkeit, sondern auch deren Erleben und schaffendes Erleben sowie die Materialität dieser Neuveröffentlichung konzeptionell erfasst werden. Es handelt sich um eine Möglichkeit, analytische Vielschichtigkeiten zu repräsentieren. Ich möchte dies abschließend in Form von zwei Fragen formulieren: Verweist dieser Prozess auf die Zeit “nach dem Konstruktivismus”? Sowie: Ist die Kulturgeschichte harter Musik ein Feld “nach dem Konstruktivismus”?


  1. Vgl. hierzu einführend: Bernhard Pörksen (Hg.): Schlüsselwerke des Konstruktivismus. Wiesbaden 2011; sowie schon älter: Stefan Jensen: Erkenntnis – KonstruktivismusSystemtheorie. Einführung in die Philosophie der konstruktivistischen Wissenschaft. Opladen 1999. 

  2. Vgl. hierzu einführend: Eckehard Glaser: Wissen verpflichtet. Eine Einführung in den radikalen Konstruktivismus. München 1999; siehe auch: Siegfried J. Schmidt (Hg.): Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus. Frankfurt/Main 2000. 

  3. Vgl. hierzu: Sara Mills (Hg.): Der Diskurs. Begriff – Theorie – Praxis. Tübingen u.a. 2007. 

  4. Vgl. Jensen, Einführung. 

  5. Vgl. zur Epistemologie in Anschluss an Foucault: Philipp Sarasin: Michel Foucault zur Einführung. Hamburg 2005. 

  6. Vgl. hierzu diskursstiftend: Lynn Hunt/Aletta Biersack (Hg.): The New Cultural History. Berkeley u.a. 1989. 

  7. Vgl. hierzu: Benjamin Jörissen Benjamin/Jörg Zirfas (Hg.): Schlüsselwerke der Identitätsforschung. Wiesbaden 2010. 

  8. Vgl. hierzu einführend: Catherine Belsey: Poststrukturalismus. Stuttgart 2013. 

  9. Siehe hierzu wiederum:  Sarasin, Foucault. 

  10. Vgl. hierzu etwa prägend die Schriften im deutschsprachigen Diskurs Ute Freverts: Dies.: Vertrauensfragen. Eine Obsession der Moderne. München 2013; sowie: Dies.: Vergängliche Gefühle. Göttingen 2013. 

  11. Vgl. hierzu: Peter Pichler: Nostalgie. Eine geschichtsphilosophische Skizze. In. HMRG 23 (2010), S. 171-181; sowie: Ders.: Das Ich in der Geschichte. In: HMRG 24 (2011), S. 151-159; schließlich siehe: Ders.: Zur Identität der HistorikerInnen. In: AKG. Im Erscheinen. 

  12. Vgl. etwa aus dem jüngeren Diskurs: Barbara Naumann u.a. (Hg.): Stoffe. Zur Geschichte der Materialität in Künsten und Wissenschaften. Zürich 2006; sowie ebenso jüngst: Francois-Xavier de Vaujany u.a. (Hg.): Materiality and Time. Historical Perspectives on Organizations, Artefacts and Practices. Basingstoke u.a. 2014; schließlich siehe auch: Martin Schubert (Hg.): Materialität in der Editionswissenschaft. Berlin u.a. 2010.