Im August geht in Spital am Semmering Österreichs größtes Extreme-Metal-Festival über die Bühne – samt Bands mit Nähe zum rechten Rand.
(Der Text stellt die ungekürzte Fassung meines Artikels im “Standard” vom 13.9.2025 dar: https://www.derstandard.at/story/3000000287205/wie-ein-metal-festival-in-oesterreich-rechtsextreme-anklaenge-ausblendet)
„Was ist das?“, fragt der Ordner, als er mich am Eingang zum Konzertbereich am Kaltenbach Open Air abtastet. Er trägt ein rotes T-Shirt mit dem Namen des Events. Ich ziehe meinen Schlüsselbund aus der Hosentasche, was er mit einem milde tadelnden „Verlier ihn nicht!“ quittiert.
Am frühen Nachmittag des ersten Tags ist die Schlange kurz. Ich werde rasch in den eigentlichen Konzertbereich bugsiert. Man hat den Eindruck, die Schwelle zu einer Erlebniswelt zu passieren, in der alltägliche Benimm- und Geschmacksregeln außer Kraft treten.
Im geschotterten Publikumsareal sind Band-T-Shirts und Jacken mit Band-Aufnähern („Kutten“) omnipräsent. Vereinzelt tragen Fans leichenblasse Schminke („Corpsepaint“). Kaum zu übersehen: schwere Schnürstiefel, Camouflage-Muster und nietenbewehrte Accessoires. Eine Frau mit pinken Haaren schultert einen Teddybär in Skelettoptik. Bei näherem Hinsehen entpuppt er sich als Rucksack. Alles in allem eine karnevaleske Atmosphäre.

In diesem Metal-Sanktuarium zwischen Sicherheitszäunen und Nadelbaumreihen verwandelt man sich nicht unbedingt in jemand anders. Man ist aber so weit aus dem Alltag gerissen, dass gewohnte Konventionen den Regeln dieses Mikrokosmos weichen.
Der gute Ton ist laut
Das Kaltenbach Open Air ist das größte Extreme-Metal-Festival Österreichs. Es findet immer im August, 2025 von 21. bis 23., im steirischen Spital am Semmering statt. Das Schigebiet Stuhleck wird von einer lauten Melange aus volkstümlicher Partystimmung und extremer Ästhetik überzogen.
Die Klangflut von der Bühne ist auf Überwältigung angelegt. Im Verbund mit überall hörbarer Metal-Beschallung – aus Bluetooth-Boxen vor Zelten und allerlei sonstigen musikalischen Labestationen – ist das der Basisklang des Wochenendes. Von Donnerstagmittag, wenn die Konzerte starten, bis Samstagnacht, wenn das Licht ausgeht, vergisst man nie, wo man ist.
Death und Black Metal bilden – neben anderen Subgenres – die wichtigsten Strömungen. Ästhetik und Klang sind seit ihrem Entstehen in den 1980ern auf das Sprengen von Grenzen getrimmt. Es geht um die Radikalisierung des Heavy Metal – Gitarrenriffs sind noch wuchtiger, Drums steigern sich zu maschinengewehrartigen „Blastbeats“. Gesang wird „guttural“ röchelnd bis hoch kreischend vorgetragen. Oft so, dass Texte unverständlich bleiben.

Empowerment durch Stimmgewalt
Das Grundkonzept bewegt sich an der Grenze des Akzeptierten – und weit darüber hinaus. Die permanente Grenzverschiebung kann emanzipativ wirken. Seit Jahren kultivieren ebenso Frauen im Death Metal das aggressive „Growling“ und überformen traditionelle Geschlechterbilder: Empowerment durch Stimmgewalt.
Auch das Festival am Stuhleck bietet dem zuweilen einen Raum. 2024 trat die Grazer Band Reek of Death mit Vokalistin „Carry Størm“ in diesem Stil vor der Bergkulisse auf. Sie wünscht sich, junge Frauen zum eigenen Weg zu inspirieren.
Absage und Kontroverse
Die Liberalität hat aber Kipppunkte. Im letzten Winter entwickelte sich eine Debatte, in der dies deutlich wurde. Die Grazer Band Nekrodeus sagte ihren heuer geplanten Auftritt am „K.O.A“ ab. Sie nannte „politische und moralische Gründe“.

Hintergrund war, dass zugleich Bands eingeladen worden waren, denen rechtsextremes bis neonazistisches Gedankengut vorgeworfen wird. Im Zentrum der Kontroverse standen zwei Black-Metal-Gruppen: Horna aus Finnland und Inquisition mit kolumbianisch-amerikanischen Wurzeln.
In weiterer Folge wurde das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) auf dies aufmerksam. Im August schreibt das DÖW: „Horna veröffentlichte Alben bei einschlägigen Labels (…) zuletzt bei World Terror Commitee (W.T.C.), das von einem ehemaligen Mitglied der deutschen Band Absurd, einer Vertreterin des National Socialist Black Metal (NSBM), betrieben wird.“ Ein anderes ihrer Labels trägt den Namen „Zyklon B-Productions“. Ferner wird festgehalten, dass Mitglieder von Horna in Interviews die NS-Ideologie verharmlost oder positiv bewertet hätten.
Auch bezüglich Inquisition fällt der Bericht höchst kritisch aus. Mitglieder von Inquisition seien „mit NS-verharmlosenden und antisemitischen Äußerungen“ aufgefallen und in der Labelwahl ähnliche Wege wie Horna gegangen.
Das Zutreffen ist rasch festzustellen – eine kurze Online-Suche fördert die Veröffentlichungen auf den genannten Labels zutage und macht die strittigen Interviewpassagen zugänglich. Man kann von deutlich geäußerten rechtsextremen Statements und einer gut ersichtlichen Vernetzung zum rechten Rand sprechen.
„So tun, als ob man es nicht besser wüsste“
Dennoch hielt das Kaltenbach Open Air an seiner Einladungspolitik fest. Horna treten am Freitag auf, Inquisition am Samstag.
Als Plattform des Festivals dient der „Kulturverein Oberes Mürztal“. Eine fast ironisch bürgerliche Etikettierung für das wenige Köpfe zählende Organisationsteam, das Bewahrung des „Underground“-Geistes der Szene als Mission sieht. Schon im Winter lancierte dieses Team bloß eine wenig aussagekräftige Stellungnahme, in der „Vielseitigkeit“ betont wird. Man solle „über den eigenen Tellerrand“ blicken, um „andere Meinungen zu respektieren, auch wenn man diese nicht immer gutheißen muss“. Festival und Horna antworteten auf aktuelle Anfragen nicht, Inquisition war nicht erreichbar.
Abseits des Nicht-Diskurses stellt sich als zentrale Frage, warum eine freiheitszentrierte Subkultur so eklatante Verbindungen nach rechts außen bildet.
Noch paradoxer erscheint, dass keineswegs nur Bands solchen Zuschnitts in den Kaltenbachgraben kommen. Entschieden linke Gruppen treten genauso auf – 2024 die englischen Napalm Death.
Clemens „Cle“ Pecher, Podcaster, Musiker und Betreiber des Labels „grazil Records“ meint, dass das Open Air keinesfalls ein „Nazi-Festival“ sei. Als tief in die Szene eingewobener Akteur gibt er jedoch zu bedenken, dass gleichsam immer Bands anzutreffen seien, „die sich im Graubereich zum Rechtsextremismus bewegen“.
Im Publikum sind keine Fans wahrzunehmen, die Rechtsextremes offensiv zur Schau tragen. Es geht um Subtileres: Ausblenden und Nicht-Abgrenzung. Die Erklärung findet sich in der Forschung des britischen Soziologen Keith Kahn-Harris. Für Ausblendungsmechanismen im Extreme Metal prägte er den Begriff der „reflexiven Antireflexivität“.

Für den STANDARD erläutert Kahn-Harris, was er damit meint: „Kurz gesagt bedeutet es, so zu tun, als wüsste man es nicht besser, obwohl man es eigentlich doch weiß.“ Handeln und Selbstwahrnehmung werden zum Versuch, „bestimmte Themen aus der Betrachtung auszuklammern“. Dies hat zur Folge, dass in Musik und Ästhetik rechtsextreme Bilder Verwendung finden, zugleich aber behauptet wird, dass dies keine weiteren Auswirkungen habe.
Bianca Kämpf, Rechtsextremismusforscherin am DÖW, ergänzt: „Fehlende Abgrenzungen werden häufig mit einer Selbstbeschreibung als ‚unpolitisch‘ erklärt.“ So wird es Festivalteams und Publikum möglich, „sich als vermeintlich neutral zu positionieren, sich nicht damit auseinandersetzen und keine Konsequenzen ziehen zu müssen.“
Dröhnendes Ausblenden
Gegen Ende meines Besuchs kann ich freitagabends mit allen Sinnen nachvollziehen, wie das funktioniert.
Kurz vor 22 Uhr betreten Horna die Bühne. Der Publikumsraum ist ausgelastet. Sänger „Spellgoth“ übernimmt die Führung. Während des sechzig Minuten langen Auftritts inszeniert er sich ohne jede Ironie als satanistischer Ritualmeister. In theatralischen Ansagen erinnert er daran, dass der Leibhaftige das Maß aller Dinge sei. So weit, so genretreu.
Etwas links vor mir in Richtung der Bühne ist eine Frau damit beschäftigt, ihr Bier Schluck für Schluck zu leeren und nichts zu verschütten. Noch weiter vorne rechts, in direkter Nähe der Bühne, verfällt ein junger Mann in schwarzmetallische Trance. Er headbangt ekstatisch.
Beide verschwenden wohl gerade keine Gedanken an die rechtsextremen Ausritte von Musikern nur wenige Schritte vor ihnen – und wollen das zumindest im Moment auch gar nicht. Das Ausblenden des rechten Elefanten im Raum ist dröhnend laut.
Mit den Füßen abstimmen
Im Zuge der Recherche treffe ich eine Auskunftsperson, die aufgrund der Befürchtung negativer Konsequenzen auf Anonymität besteht. Mein Gegenüber kennt das Festival gut.
Unser Gespräch fokussiert sich darauf, wie Abgrenzung besser gelingen kann. Es gibt konkrete Ratschläge: Man müsse sich die Mühe gründlicher Recherche machen. Einschlägige Labelwahl, Interviews und personelle Verknüpfungen können als handfeste Kriterien herangezogen werden.
Das trifft sich mit dem, was Kahn-Harris „Abstimmen mit den Füßen“ nennt. Das Publikum hat in der Hand, welche Konzerte „sold out“ proklamieren können. Ebenso, wessen T-Shirts und Tonträger sich verkaufen. Man kann es noch differenzierter handhaben: Cle Pecher boykottierte am Kaltenbach-Festival bewusst einzelne Bands, die jenseits seiner Grenze liegen.
Positiverweise gibt es immer mehr Gruppen, die die extreme Rechte ablehnen und das Wegsehen hinterfragen. Die mitunter zum Running Gag gewordene Floskel vom „unpolitisch sein“ als Ausflucht bekommt Risse.
Etwa Nekrodeus sehen ihre Songs als Stellungnahme zu Rechtsruck und Rechtsextremismus: „Wir wollen uns als Personen klar von diesen reaktionären Menschen- und Gesellschaftsbildern abgrenzen und nutzen als Künstler dazu die Plattform, die wir uns mit unserer Musik geschaffen haben.“

Headbangen ist Kopfsache
Als ich das Gelände verlasse, komme ich an jenem Campinganhänger vorbei, der sich mir eingeprägt hat. Als launiger Sinnspruch wurde „Headbangen ist Kopfsache“ auf die Außenwand gesprayt. Man kann den Spruch auch so deuten, dass die volle Realisierung der Freiheit, die Extreme Metal beschwört, noch viel mehr Nachdenken und Hinsehen erfordern würde. Gerade, wenn das Lineup des „K.O.A“ 2026 bekanntgegeben wird.
