Year: 2025

  • Why we need metal (studies) to survive our present

    We live in uncertain times. Not a day goes by without us being inundated with bad news via news tickers and other digital channels. Ever since Steve Bannon’s dubious success, it has become clear that, in today’s digitally driven and AI-fuelled landscape of polarisation, ‘flood the zone with shit’ can be a recipe for success. Even liberal and high-quality media outlets are now under constant pressure to be visible and to be the loudest and most strident voice.

    From the war in Ukraine and climate change to the decline of democracy and the rise of authoritarianism, we live in a time when bad news is the norm. It’s only common sense that this oppressive atmosphere leaves us feeling affected. The constant feeling of latent danger and the vague sense that the world is hurtling towards disaster can thoroughly ruin our day. Needless to say, this doesn’t exactly put metalheads in a good mood. The world seems to have turned into a death metal song. Every day, it feels as though you could watch Putin, Trump and others pushing the world into the abyss at blast-beat speed. The next generation of extreme metal musicians will regard our era as the finest source of lyrical inspiration.

    Metal as healthy brainwashing

    How can you keep your brain healthy during times like these? I believe that subcultures such as metal, with their scenes and communities, can help us to cope. While metal may not fully prepare us for survival in a Thiel and Musk-esque apocalypse, it can offer some assistance. It provides a shared practice and soundscape for engaging playfully yet reflectively with the less pleasant aspects of this world. This is particularly pertinent when one consciously and reflexively engages with metal as a means of processing the crisis-ridden present and thinking critically about the world. This is precisely what good research in the field of metal studies achieves.

    But what exactly do I mean by that? Metal emerged in the late 1960s and early 1970s. It was a time of crisis and cultural reorientation, often referred to today as ‘1968’ and its aftermath. When I say that metal has developed into an impressive global music scene over more than five decades, I am not drawing up a comprehensive family tree of metal history. Nor is it an evergreen family tree, but a black one. Put simply, metal can be interpreted as an attempt to drown out times of crisis and fundamental change with loud riffs. Since ‘1968’, fans of hard rock music have been climbing on top of metre-high Marshall amplifiers to rise above the problems of their time.

    From Reaganomics to ‘Ride the Lightning’

    Back in the 1980s, the sound of thrash metal captured the sense of a world on the brink of change, as the Cold War was drawing to a close. ‘Ride the Lightning’ and ‘Reign in Blood’ were ultimately louder than Reaganomics. After all, Margaret Thatcher was the Iron Lady, and thus somewhat akin to metal, at least semantically. The extreme metal styles that became popular around the epochal year of 1989, particularly black and death metal, can be seen as reflecting the abrupt end of the era from 1914 to 1991. It is no coincidence that historian Eric Hobsbawm described this period as the ‘age of extremes’. A very rough historical rule of thumb might be that the history of metal reflects the history of the world (and vice versa).

    Why we need metal (studies) to survive our present

    I had the great pleasure of working with the following wonderful colleagues in metal studies: Anna-Katharina Höpflinger, Jörg Scheller, Laina Dawes, and Camille F. Béra. Together, we published the anthology ‘Meta/Metal: Open Questions in Metal Studies’, which was released as open access last week and can be read for free here.

    Drawing on metal and subculture, the excellent contributions in this volume address major issues of our time, such as the search for peace, better coexistence between people of different identities and backgrounds, despair over climate change and the general gloominess of the world, as reflected in black metal music. I believe that we need metal studies like this. They help us survive our present. They enable critical reflection on what is going wrong in the world.

  • Warum die John Otti Band keinen Death Metal spielt

    Aufwachen in einer neuen Welt

    Es sind nun über zwei Jahre vergangen, seitdem auf diesem Blog mein Beitrag zur Erfahrung von Metal und Metal Studies in Mexiko erschien. Seit damals ist im Bereich der Metal Studies, vor allem aber auch in der Welt überhaupt viel geschehen. Man könnte meinen, wenn man damals im Juli 2022 schlafen gegangen wäre und heute, im Januar 2025, wieder aufgewacht, es sei eine andere Welt.

    In den USA wird am 20. Januar 2025 Donald Trump seine zweite Amtszeit antreten. Eine Mehrheit der amerikanischen Wähler*innen hat sich für einen Politiker entschieden, der nicht nur bewusst lügt, sondern überhaupt keinerlei Grenzen im Regieren und seiner Machtausübung zu akzeptieren scheint.

    In Österreich hat sich nach den letzten Nationalratswahlen, bei denen die FPÖ stärkste Kraft wurde, eine mögliche Koalition von ÖVP, SPÖ und NEOS zerschlagen. Man kann dabei nur von einem Totalversagen aller Beteiligter sprechen. Sie ebnen einem Politiker einer Partei den Weg ins Bundeskanzleramt, die unter allen rechtsextremen und rechtspopulistischen Europas eine der radikalsten ist – und auch diejenige, die schon am tiefsten im medialen und politischen Betrieb angekommen ist. Und am schlimmsten daran: genau die hier gezeigten Verhaltensmuster der sich nicht einigenden anderen Parteien scheinen nur die Ressentimentfront im FPÖ-Handwerk zu bestätigen. Kurz, 2025 ist eine Welt, die wesentlich unsicherer erscheint.

    Popmusik und Heavy Metal in dieser anderen Welt

    Die Frage, ob Heavy Metal als einer der prägenden Popmusiken seit den 1980ern politisch oder unpolitisch ist, ist so alt wie Metal selbst. Die Antwort darauf hängt auch davon ab, wie man auf den Zusammenhang blickt. Unbezweifelbar ist, dass Popmusik, überhaupt jegliche kulturelle und künstlerische Betätigung und damit auch Metal im politischen Kontext entsteht; mit diesem verflochten ist und im Gehört- und Gespieltwerden auf diesen zurückwirkt.

    Heavy Metal, dem zwar oft ein konservativer Zug nachgesagt wird, welchen man in der Musiksprache und Ästhetik oft nicht lange zu suchen braucht, tritt trotzdem in der Regel freiheitsbetonend und freiheitseinfordernd auf. Eines der zentralen Kennzeichen von Metal in Ethos, Ästhetik und Klang ist Transgression, das bewusste Sprengen von zu engen Konventionen. Und noch mehr: die Geschichte der Entstehung und des Erfolgs des Metal setzte voraus, dass es künstlerische, soziale und politische Freiheit gab, die ihn ermöglichte.

    Man kann den Zusammenhang so pointieren, dass die Beziehung von Metal und politischer Freiheit jene ist, dass Metal nur dann blühen kann, wenn er frei existieren und sich entfalten kann; wenn Kreativität, Spiel und Fortentwicklung angstfrei für Künstler*innen und Hörer*innen gesichert sind; wenn ein gesellschatliches Klima herrscht, das nicht auf Bedrohung und Demütigung der “Anderen” (man darf dafür einsetzen, was man für passend hält) basiert. 2025 hat viel Potential für eine Welt, in der dies nicht mehr wie bisher sein könnte.

    Wider die John Otti Band als Rolemodel

    Man kann sich dazu auf ein Gedankenexperiment einlassen und die 1980er, als Metal in der Steiermark und Österreich voll ankam, verändert vorstellen; sich vorstellen, dass eine Partei geherrscht hätte, die Kultur so versteht, dass alles jenseits von Aufsteirern und Musikantenstadl bedroht und beschimpft worden wäre; die jegliche Kunst, die etwas wehtut, ob Museum, Literatur oder Theater als “Nestbeschmutzung” und schlimmer tituliert. Unter der Ägide dieser Partei ist es schwer vorzustellen, dass genug Freiheit geherrscht hätte, eine bis heute prosperierende Metal-Szene zu etablieren.

    Sieht man sich Live-Streams von FPÖ-Parteiveranstaltungen an, wird der Zusammenhang noch klarer. Im Bierzelt gestaltet die John Otti Band den Soundtrack zur “Festung Österreich”. Stilistisch dumpf, gedanklich einfach, die Menschen klanglich in ihrer Festung einsperrend. In einer Welt, in welcher Kultur, Musik, Politik und Gesellschaft nach diesem Maßstab funktionieren, ist Feuer am Dach. Und genau aus diesem Grund spielt die John Otti Band keinen Death Metal. Wenn die Welt schon vor vierzig oder fünfzig Jahren so freiheitsfrei getickt hätte, würde es weder Metal noch Metal Studies geben.

    Genau aus diesem Grund sollten auch wir in den kommenden Wochen und Monaten sehr gut darauf achten, dass dieses Rolemodel, seine Vetreter*innen und Politiker*innen nicht unsere Freiheit gefährden. Lasst das Modell John Otti Band dort, wo es hingehört.